Von Künstlern und Schwerverbrechern!

In der letzten Ausgabe von Die KOLUMNE schrieb ich über einen fliegenden DeLoreon. Für alle Unwissenden: Es handelt sich hier um das Auto, welches im Film „Zurück in die Zukunft“ in eine Zeitmaschine umgebaut wird. Wir stellen uns jetzt einmal folgendes Szenario vor: Die Menschheit wäre wirklich eines Tages auf dem Wissensstand, eine solche Apparatur zu entwickeln. In welche Epochen würdet ihr alle vor oder zurückfliegen wollen? Picken wir uns einfach mal das so genannte finstere Mittelalter heraus. Wir fliegen mit unserem DeLoreon zurück ins Bayern des Jahres 1020.

Wir schlendern durch die Straßen von Augsburg und gehen über den Marktplatz. Hinter uns ein Aufschrei, jemand hat einen Apel von einem Stand gestohlen. Zwei Gassen später wird er aufgegriffen, am Abend noch hängt der Dieb, der vielleicht nur seine Familie irgendwie ernähren wollte, unter dem Gröhlen der Bevölkerung am Galgen. Uh, wie unschön denken wir uns! Wir gehen weiter. Im Laufe unseres Mittelaltertrips kommen wir immer wieder an armen Seelen vorbei die wegen Verrat gerädert, wegen Ketzerei verbrannt, wegen Ehebruch geköpft, wegen Überfall gerädert oder zersägt werden. Was für ein überzogenes Strafmaß, was müssen die Menschen doch dumm gewesen sein? Wir fliegen zurück ins Jahr 2020, in eine zivilisiertere Welt mit Gerechtigkeit und Humanität!

Nun googeln wir einfach mal aus Langeweile oder sehen uns im World Wide Web ein paar Nachrichten an. Gewaltverbrecher (physisch und psychisch), die wahrlich eine Bedrohung für die Mitmenschen darstellen, und vor denen die Gesellschaft eher geschützt werden sollte, wandern nur 3 Jahre ins Gefängnis. Steuerhinterzieher dagegen 5 Jahre. Schmierfinke, die Graffitis an öffentlichen Gebäuden hinterlassen werden auch schon mal 2 Jahre weggesperrt. Man kommt aufgrund des unverhältnismäßigen Strafmaßes wieder mal ins Grübeln. Man ist geneigt wieder in den DeLoreon zu steigen, um zu erfahren, ob denn die Menschheit in der Zukunft eines Tages mal ein vernünftiges Strafmaß finden wird.

Sicher, der ein oder andere tippt vermutlich jetzt schon in die Tasten „Vergleicht der Junge gerade die brutalen Todesstrafen im Mittelalter mit der heutigen Zeit?!“. Und in der Tat, einen Zeitabstand von 1000 Jahren kann man natürlich nicht miteinander vergleichen, aber wohl die Kontinuität, dass die Menschen wohl nie ein gesundes Mittelmaß an Strafen finden werden!


Was für eine schöne Einleitung. Und da wären wir auch schon beim heutigen Thema!

Ihr habt es sicherlich mitbekommen. Der, mittlerweile stadtweit bekannte Künstler Bernie McQueen (Schaffer und Verbreiter der Augsburgblume), seines Zeichen Ehemann unserer Stadträtin Lisa, wurde nun wegen illegalem Graffiti von einem Gericht verurteilt und sitzt mittlerweile eine Haftstrafe ab. Unsere Gegner schlecken sich jetzt schon die Mäuler, das wissen wir. Schön nachzusehen in diversen Facebookposts von einschlägigen lokalen Medien. Unsere Sympathisanten dagegen, siehe z.B. den dazugehörigen Augsburger Allgemeine Artikel vom 29.07.2020, halten uns immer noch die Stange.

Nun sehen wir uns aber auch als Die PARTEI zu einem Statement veranlasst.


Wir als sehr gute Partei Die PARTEI stehen natürlich geschlossen hinter unserer Stadträtin Lisa und ihrem Ehemann Bernie. Wir schätzen seine Kunst, seine Art, sein Talent und seinen Willen, die Fuggerstadt, und sei es nur durch ein paar einfache Zeichnungen, ein kleines bisschen schöner zu machen.

Aber: Wir wissen selbstverständlich auch, dass das Bemalen von öffentlichem Eigentum eine Illegalität darstellt und dafür die Verursacher zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Das R in PARTEI steht immerhin für „Rechtsstaat“, und dessen Regeln und Normen respektieren wir auch. Doch hier kommt der Knackpunkt:

Um was es uns hauptsächlich bei der ganzen Thematik geht: Ist die Art des Umgangs mit Künstlern in der Stadt, das Strafmaß und die Auslegung mancher Politiker für die Kunstszene der Stadt Augsburg.


Der Freistaat Bayern, und damit die seit Jahrzehnten regierende csU, war schon immer ein Sonderfall in Deutschland. In keinem anderen Bundesland ist die Strafauslegung für illegales Graffiti so hoch wie hier, nirgendwo sonst wird es so stark (auch mit Haftstrafe) geahndet. In der Regel ist in anderen Bundesländern ein hohes Bußgeld fällig, was den betreffenden freien Künstlern – in der Regel selbstständig – langfristig mehr weh tut.

Laut dem Bayerischen Gesetz gilt es schon als Sachbeschädigung, wenn man nur das Aussehen einer Sache verändert. Auch mit wasserlöslicher Kreide. Ich denke somit hat sich fast jeder von uns schon einmal strafbar gemacht der als Kind mit Kreide etwas auf einen Bürgersteig oder auf eine Wendeplatte gezeichnet hat. Die Bajuwaren….schon immer ein Volk von Verbrechern gewesen! Karl der Große tat gut diesen gottlosen und gesetzeslosen Haufen zu unterwerfen!


Unseren Unmut über den Umgang mit freien Künstlern möchte ich nochmal kurz an drei Beispielen erläutern, bevor ich zum Schlussfazit komme:

– Bei niemand geringerem als König Markus I., nein halt…. Ministerpräsident Markus Söder hätte als nächste Instanz für Bernie ein Gnadengesuch gestellt werden sollen. Die zuständige Staatsanwaltschaft hat dieses bevor es weitergegeben kann bisher weder abgelehnt, noch ihm stattgegeben. Logisch! Warum den nächsten Bundeskanzler auch mit so kleinen Fischen beschäftigen lassen, wenn doch die Umfragewerte gerade so hoch, und die mögliche Kanzlerkandidatur in greifbarer Nähe ist? Immerhin kommt jetzt, nachdem wir mit einem Lockdown (der konsequenterweise kommen musste) monatelang vieles bewusst runtergefahren haben, das logische Wirtschaftswachstum in welchem man sich sonnen kann! Muss mal meinen Opa fragen, ob der damals auch den amerikanischen Bombern gedankt hat, dass sie alles zerschossen haben, weil nur so das Wirtschaftswunder durch Wiederaufbau möglich war. Ach verdammt, der Geschichtsstudent schweift schon wieder ab – nächster Punkt!

– Der Augsburger Stadtrat hat letztes Jahr entschieden, nach Beschlussvorlage der csU, dass die Innenstadt in einem bestimmten Radius nicht mehr bunt gestaltet werden darf. Kein Eigentümer darf mehr seine Hausfassade farbig/bunt anstreichen. Unabhängig vom Baujahr des Hauses. Schade, dabei schmücken wir uns doch so gerne mit Häusern wie dem Weberhaus am Moritzplatz, weil das doch so schön bemalt und bunt ist. Vielleicht sollten wir mal einen Antrag stellen alle weisen Häuser zumindest mit blauen Rauten anmalen zu dürfen? Mehr Bayern geht ja dann wohl nicht!

Das Copyright für das Weberhausbild: Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Weberhaus_(Augsburg)

– Man munkelst diverse Künstler hätten gute Aufträge in der Augsburger Innenstadt erhalten können, auf Wunsch der Objektbesitzer. Politische Obrigkeiten fanden dies allerdings nicht so fein, und legten ein Veto ein. Wenn persönliche Fehden in das Berufsleben anderer Menschen eingreifen…


Zusammengefasst: Kunst ist KEIN Verbrechen, Sachbeschädigung schon. Wir stehen zu unserer Gesetzgebung und können es auch völlig nachvollziehen, dass bei Verstoß gegen diese eine Bestrafung die logische Konsequenz ist. Was wir aber anprangern ist der Umgang mit den Kunstschaffenden und das Strafmaß, diese wegzusperren. Wir sind nicht in der Position dies in nächster Zeit ändern zu können, aber anprangern können wir es durch unsere Meinungsfreiheit allemal.

Schafft künstlerische Flächen, geht mit den Künstlern in Dialoge, versucht ihre Lage zu verstehen, behandelt sie nicht wie Schwerverbrecher, setzt für Graffiti nicht das gleiche Strafmaß an wie für Gewaltverbrecher, und zeigt euch bitte als Großverdiener, die die hohen Viecher in der Politik nun mal sind, nicht so abwertend den selbstständigen Künstlern gegenüber, die nicht eurem Verhalten oder Geschmack entsprechen. Wir finden das schlimm!

Unseren Standpunkt muss niemand vertreten. Das ist ja gerade das Schöne an der Meinungspluralität in unserem Land.

Und zum Ende spanne ich nochmal den Bogen zu meiner DeLoreon Zeitreise. An alle, die in Facebook-Kommentaren Sätze und Forderungen fallen lassen wie „Richtig so, auf ewig wegsperren diese Verbrecher“ etc.: Ihr wärt vermutlich auch damals diejenigen gewesen, die beim Aufhängen, Rädern, Vierteilen und Zersägen von Verurteilten in der ersten Reihe stehend die Menschen noch einmal bespuckt und dem Henker zugejubelt hätten, wenn dieser den abgeschlagenen Kopf der pöbelnden Menge präsentierte. Hat sich die Menschheit in den letzten 1000 Jahren in gewissen Dingen wirklich zivilisierter weiterentwickelt?

Zum Ende wieder die „Liste der coolen Leute“:

Bernie McQueen, für das Erschaffen der Augsburg Blume, die wir zwar alle gernhaben, aber über den Künstler gerne mal schweigen.

Lisa McQueen, dafür, dass sie mal wieder eine halbe Seite in der Augsburger Allgemeinen bekommen hat und dafür bestimmt ein paar Leute ärgern konnte!