Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt!

Krisenmanagement. Ein Wort, welches gerne mal missbraucht wird und woraus völlig neue Be-rufsgruppen geschafft werden können. Die Rede ist vom Krisenmanager. Der Augsburger Stadtrat, bzw. diverse Mitglieder, schreiben sich gerne mal aufs Haupt „Krisenmanager“ zu sein. Aber was macht der Krisenmanager in krisenlosen Zeiten? Wie der Soldat, der sich nach dem Friedensschluss nutzlos fühlt, so mag es wohl auch dem ein oder anderen Krisenmanager in unserer Fuggerstadt gehen. Was also tun?

Am besten wäre es wohl, einfach die existierenden „Krisen“ soweit es geht in die Länge zu ziehen, damit der Krisenmanager sie auch immer wieder neu zu bewältigen hat. Schön zu sehen letzten Donnerstag; es war mal wieder Stadtratssitzung!

Gekonnt nach dem Motto: Wenn ich mein Fahrrad schiebe, habe ich bei der Strecke die ich da-mit zurücklegen wollte ja mehr davon! Klingt gut, ist aber doch irgendwie seltsam…


Zum Klimacamp am Rathaus sei an dieser Stelle nichts gesagt, es wurde schon genug geredet. Herrliches Beispiel von Problemverzögerung der Stadt: Anstatt auf die Aktivisten zuzugehen, mit ihnen zu reden, Probleme zu lösen, wird lieber der Versuch gewagt das Camp zu räumen, oder die Probleme einfach auszusitzen. Das arbeitslose Pack kann schließlich nicht ewig durchhalten.

Und siehe da, sapperlott, die zotteligen Hippies liegen jetzt schon am Eingang vor dem Rathaus auf dem Boden. Wie würden die Stadträte reagieren, die ja zwangsläufig an ihnen vorbei müssen? Die Aktivisten haben jedoch nicht den Altersdurchschnitt des Stadtrates bedacht: Wir reden von der Generation Tetris! Gekonnt wussten die Stadträte wo sie sich selbst als Baustein in die Menge einbinden konnten, um so gekonnt über die lästigen Bodenplatten und über das Plakat in die gesicherte Zone des Gratiskaffee und kostenlosen Lunchpaketes aka Stadtratsaal zu gelangen. Wir sind gespannt welche Taktik sich das Camp als nächstes überlegt! Toi Toi Toi!

Bildquelle: Stefan Krog, Augsburger Allgemeine

Hurra, dann ging es endlich in das Rathaus um den nächsten aufgeschobenen Krisenmanagement-Punkt mitzuerleben: Die Diskussion um die Kostensteigerung des Staatstheaterumbaus!

Zu Beginn hatten wir gemischte Gefühle. Erstmal flog uns der Hut weg! Es waren nicht mehr nur 15 Sitzplätze für den Plebs, der weiterhin einen Stock tiefer vor einem Fernseher sitzen musste, hergerichtet, sondern viel mehr. Hat sich unser Tipp doch mal auf dem Rathausspeicher nach mehr Stühlen umzusehen gelohnt! Danach kamen wir ins Grübeln. Während draußen die Klimaaktivisten am Boden lagen, brannte im kompletten Rathaus am Vormittag (und auch den ganzen Tag über) das Licht. War das nötig? Natürlich nicht. Aber vielleicht wird der Strom auch von csU-Praktikanten in einem Laufrad im Keller produziert? Solange diese Frage nicht eindeutig geklärt ist wage ich mal die These, dass das Rathaus wohl weiß was es tut!

Nach einem kleinen geschichtlichen Exkurs von Frau Weber über 400 Jahre Ratssitzung im Rathaus, die die Stadträte sichtlich begeisterte und tosenden Applaus der Sitzungsgeldverschlinger zur Folge hatte, ging es dann endlich los! Das heißt noch nicht so ganz. Der Ton und das Bild waren mal wieder miserabel – Tradition wird eben gepflegt in Augsburg. Ganze sechs Medien-facharbeiter die am Fernseher und an den Boxen rumfummelten waren nötig, um nach handgestoppten 15 Minuten die Lautstärke auf ein angenehmes Level zu bekommen. Was für ein Service (einen Stream für alle außerhalb des Rathauses gab es natürlich nicht, wo kommen wir da hin? Krankmachen oder Sonderurlaub ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, oder?!)

Bevor es richtig losgehen konnte, wurde natürlich noch in alter Tradition die Tagesordnung in Usain-Bolt-Geschwindigkeit durchgerannt, und von Frau Weber zügig die Abstimmungspunkte vorgetragen, welche zur Sammelabstimmung abgestimmt werden sollen. Wir haben uns aus Leibeskräften bemüht mitzuschreiben; es ist uns nicht gelungen. Fleischverweigerer Wegner mel-dete sich zu Wort und sprach aus was viele dachten. Er möchte nicht in einer Sammelabstimmung über etwas abstimmen wovon er keine Ahnung hat (vermutlich ging es um Käse- und Milchkonsum). Unsere OB konterte souverän: „Herr Wegner, ganz ehrlich, ich glaube in diesem Haus hat keiner Verständnis für Sie!“ Lustigerweise gab es hierfür den größten Applaus des Tages. Aber logisch: Stadträte werden immerhin nicht nach Stunden bezahlt, also warum auch unnötige Abstimmungen, die die csU schleunigst weghaben will, nicht schnellstmöglich abhaken. Seien wir ehrlich, wenn die csU und Grünen sich einig sind, dann ist es eh schon durch! Demokratie kann so herrlich einfach sein.

Dann geht es endlich zur Thematik „Staatstheater“. Sage und Schreibe über 6 Stunden (mit einer Gnadenstunde Mittag dazwischen) zieht sich diese Kaugummidebatte, von der man eh schon vorher wusste wie sie ausgeht. Hab ich schon erwähnt, dass Demokratie, sofern ich die Mehrheit im Stadtrat stelle, so herrlich simpel sein kann? Nun denn, erstmal zeigt uns einer der wahren Stadtregenten aus dem Triumvirat Merkle-Kränzle-Dietz was alles am Gebäude neu gemacht werden muss. Spoiler: Im Prinzip alles! Über die Summen, welche auf die Stadt zukommen schweige ich an dieser Stelle, in ausreichender Fachliteratur im World Wide Web ist dies alles nachzuschlagen und munter in den Kommentarspalten mitzudiskutieren.

Finanzreferent Roland Barth spricht von einem „Jahrhundertprojekt“. Ich stelle mir die Generation im Jahr 2120 vor, wie sie staunend vor einem Staatstheater steht, in welchem jede Vorstellung so stark besucht ist, dass die Leute stehen müssen, und sich dann sagen: Danke! Danke lieber Stadtrat 2020, dass ihr uns dieses Jahrhundertprojekt ermöglicht habt. Aber dann wache ich doch wieder auf! Träumen wird man ja wohl noch dürfen! Ebenso erläutert Barth, das Theater sei „ein Prestigefaktor, der nicht aufs Spiel gesetzt werden sollte“. Auch wird wieder auf die Historie der Stadt zurückgegriffen. 1870 sei es dem Stolz der Bürger zu verdanken gewesen, dass das Theater gebaut wurde. 1945 sei es der Stolz der Bürger gewesen das Theater wieder aufzubauen (vielleicht hätte man manche Sachen einfach liegen lassen sollen). Der Geschichte in allen Ehren, dass sich eine Stadt immer noch Prestige durch ein Theater holt, ist schon irgendwie voll 20. Jahrhundert.

Zwischendurch musste ich übrigens mal kurz aufs Klo. Zwei Stadtratsmitglieder der AfD begeben sich ebenfalls zum Wasserlassen und unterhalten sich ungeniert wie „langweilig“ doch die heutige Sitzung wieder wäre. Da stehen dann einfach so ca. 3200€ monatliche Steuergelder beim urinieren. Naja, wollte ich nur mal erwähnt haben.

Endlich dürfen die Stadträte zu Wort kommen. Es gibt per Handzeichen über 15 gewünschte Redebeiträge. Vor lauter Kratzen meiner Stresspickel bekomme ich schon wunde Stellen. Auf den Wunsch von Frau Weber, jeder solle sich daher kurzfassen, damit jeder zu Wort kommt, reagiert Peter Hummel von den Freien Wähler erstmal mit einem 15 Minuten Redebeitrag, herrlich! Wie sind nochmal die 6 Stunden der Debatte zusammengekommen? Gute Frage!

Die AfD schockiert mit ihrem konstruktiven Redebeitrag. Man werde weder so, noch so abtimmen (später haben sie dann doch in eine Richtung abgestimmt, lol). „Not macht erfinderisch, vielleicht gilt das auch für unsere Stadtregierung“, so Jurca (ca. 1600€ monatliches Steuergeld im Stadtrat). Sapperlott, da hat uns die AfD doch tatsächlich unseren Standpunkt irgendwie geklaut. Jetzt müssen wir uns natürlich was Anderes überlegen. Denn frei nach unserer Europaidee stehen wir natürlich in der absoluten Mitte zur Thematik Staatstheater:

Nach einigen Stadtratsitzungen, an denen ich schon die Ehre hatte als Zuschauer teilzunehmen, kann ich immer wieder nur für folgenden Vorschlag plädieren: Lasst das Rathaus Rathaus sein und verlegt die Stadtratsitzungen einfach gegen einen kleinen Obolus ins Staatstheater. Ganz ehrlich, besseres „Theater“ findet man nirgendwo in ganz Augsburg! Case closed!

Im Laufe der Debatte folgen dann noch einige Zitateperlen. Hier einige davon:

  • „Das Gebäude ist in einem viel schlechteren Zustand als man erwarten konnte“
  • „Es wird ein Theater der Zukunft“
  • „Was man für sein Geld bekommt ist sehr viel meiner Meinung nach“
  • „Kann es sich die Stadt leisten, KEIN Staatstheater zu bauen“
  • „Wir müssen bauen, denn günstiger wird es nicht mehr“

Sollte es der Menschheit je gelingen einen fliegenden DeLoreon zu bauen um damit in die Zukunft zu fliegen, prophezeie ich folgendes Szenario:

Dann wurde endlich abgestimmt. 38 zu 22 Stimmen für den Umbau und damit die Mehrkostentragung für das Staatstheater. Nicht sonderlich überraschend, haben ja csU und Grüne zusammen 35 von 61 Stadträten, also rund 57%. Es ist somit egal, wie lange oder intensiv debattiert wird. Solange sich die csU etwas vornimmt, wird das auch leider durchgehen. Die Grünen, die laut Herrn Dr. Freund ja die Bettvorleger der csU sind, werden immer mit ihrer neuen Mutterpartei konformgehen – Uneinigkeit in der Regierung wäre ja ein handfester Skandal. Dann doch lieber gegen seine eigenen Prinzipien gehen und schön weiter mitregieren. Die Einigkeit und das Miteinander, welches in der ersten Sitzung des neuen Stadtrats ausgerufen wurde, sind natürlich schon längst wieder dahin. Cäsar und Brutus hatte auch mal ihre Einigkeit bekundet, wies ausging wissen wir!

Puh, wir hätten uns da über 6 Stunden Debatte leider ersparen können. Kann ganz schön ermüdend sein. Und auch sehr frustrierend, wenn man eigentlich vorher schon weiß wie es ausgeht. Die Krisenmanager werden weiterhin noch einiges zu tun haben. Ich sehe jetzt schon die Artikel in einschlägigen lokalen Medien wie „Bau wird immer teurer“, „Fertigstellung verzögert sich wei-terhin“, „Anwohner werden vom Baulärm krank“ und ach was weiß denn ich. Probleme die man sich selber schafft, werden auch irgendwie gelöst, sprich die Krisenmanager haben weiterhin Arbeit und können mit Leidenschaft an die Sache rangehen und haben so mehr davon. Wer sein Fahrrad eben liebt, der schiebt!

Und so sieht es aus, wenn nach 7 Stunden Stadtrat noch vier wackere PARTEI-Genossen im Saal übrigbleiben und sich endlich mal in aller Stille Qualitätsfernsehen gönnen können (Anmerkung: nachdem wir gingen kamen wieder neue Ehrenleute zum weiterverfolgen):

Zum Ende noch die „Liste der coolen Leute“:

Horst Hinterbrandner, für seinen Ausspruch, dass er ja auch eines Tages mal ein „alter weißer Mann“ wird, ohne zu erwähnen, dass er ja eh schon bei der csU ist!

Christine Wilholm, für ihren freundlichen Umgang mit potenziellen Wählern auf Social-Media ala „Spinnst du jetzt?“ und „Du willst es wohl nicht verstehen“. Bei den Umfragewerten der Lin-ken gehören da echt Eier dazu!

Lisa McQueen, dafür, dass sie sich wieder einen über 10 Stunden Marathon-Stadtrat gibt im Namen unserer sehr guten Partei Die PARTEI. Wir konnten nach 8 Stunden einfach nicht mehr.

Peter Hummel, für seinen kreativen Projektvorschlag „Sinn-City“. Wenn dich ein Buchstabe vor einer Urheberrechtsklage rettet – Leben am Limit!